Neuigkeit
Ein Neues Zuhause
Ein letzter Tag bei Norbert und Maria, ein neues Zuhause und die Erkenntnis, dass 5:45 Uhr morgens definitiv zu früh für eine Messe ist.
Der letzte Tag bei Norbert und Maria
Nach meinen ersten Tagen in Fort-Dauphin war es langsam an der Zeit, mein erstes Zuhause in Madagaskar zu verlassen. Die Zeit bei Norbert und Maria hatte mir einen unglaublich guten Start ermöglicht. Ich konnte mich langsam an die neue Umgebung gewöhnen, erste Menschen kennenlernen und gleichzeitig einen ersten Eindruck davon bekommen, was mich in den kommenden Wochen erwarten würde.
An meinem letzten Tag bei den beiden zeigte mir Maria zunächst das Centre Toky. Dabei handelt es sich um ein Community-Development-Projekt für Kinder, die unter besonders schwierigen Bedingungen leben. Viele der Kinder wachsen in sehr schwierigen finanziellen Verhältnissen auf und bekommen dort die Chance auf Verpflegung und kostenlose Bildung. Für mich war besonders interessant, dass ich dort in den kommenden Wochen nicht nur als Englisch- und Mathematiklehrer tätig sein werde. Dienstags und donnerstags werde ich gemeinsam mit den Mitarbeitern auch die Elternhäuser der Kinder besuchen. Dabei werden wir mit den Eltern über ihre finanzielle Situation, aber auch über gesundheitliche Probleme innerhalb der Familie sprechen.
Maria unterstützt das Projekt sehr stark und ist auch selbst aktiv daran beteiligt. Wenn beispielsweise ein Kind dringend Geld für eine Operation benötigt, ist Maria zur Stelle und versucht, die notwendigen finanziellen Mittel zu organisieren. Ich selbst war an diesem Tag allerdings nur ungefähr 15 Minuten im Centre Toky. Ich stellte mich kurz dem Team vor und bekam einen ersten Eindruck von dem Ort, an dem ich in den nächsten Wochen mitarbeiten würde. Dann ging es auch schon weiter.
Mein zukünftiges Zuhause: Marillac
Unser nächster Halt war das Kloster Marillac, in dem ich die nächsten sechs Wochen leben würde. Dort lernte ich zum ersten Mal Vater Kasimir kennen, einen 83-jährigen Polen, der bereits seit 43 Jahren in Madagaskar lebt und fließend Französisch und Malagasy spricht. Seit 21 Jahren lebt er nun schon in diesem Kloster. Wir unterhielten uns kurz über meinen Plan für die kommenden Wochen und er erklärte mir, wie meine Arbeit während der Ferienzeit aussehen würde. Da aktuell noch Ferien sind, findet die Betreuung der Kinder vorerst montags, mittwochs und samstags statt. An diesen Tagen werde ich die Kinder jeweils von 8 bis 12 Uhr betreuen und mit ihnen arbeiten.
Der Einzug ins Kloster
Danach ging es wieder zurück zu Norbert und Maria. Langsam aber sicher packte ich meine Tasche für den nächsten Tag, denn dann würde es endgültig ins Kloster und damit in ein neues Leben gehen. Ehrlich gesagt war ich anfangs etwas nervös. Ich wusste nicht, wie ich mich dort einleben würde, da ich der einzige Deutsche sein würde und alle anderen hauptsächlich Französisch und Malagasy sprechen. Zwar wusste ich, dass ich Französisch sprechen kann, trotzdem war es eine Umstellung im Vergleich zu dem schönen Haus und der vertrauten Umgebung bei Norbert und Maria. Später sollte sich jedoch herausstellen, dass diese Sorge vollkommen umsonst war.
Am nächsten Morgen frühstückte ich noch einmal gemeinsam mit Norbert und Maria. Danach ging es los zum Kloster. Dort angekommen, wurde mir mein Zimmer für die nächsten sechs Wochen gezeigt: Zimmer 45. Es war ziemlich groß und hatte zwei Schreibtische, ein kleines Bett mit Moskitonetz, eine Toilette, ein Waschbecken und eine Art Dusche. Das Wasser war zwar eiskalt, aber das war für mich kein großes Problem. Auch der Geruch im Zimmer war anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, aber schon nach kurzer Zeit hatte ich mich daran gewöhnt und nahm ihn eigentlich gar nicht mehr wahr.
Nachdem ich angekommen war, lernte ich direkt den ersten Bruder kennen: Isidore. Er nahm mich mit und zeigte mir das riesige Gelände. Dort gibt es nämlich nicht nur das Kloster, sondern unter anderem auch eine Kirche, eine Schule, ein Lycée, eine Art Kindergarten und das Schwesternhaus mit medizinischer Versorgung und einer eigenen Kirche. Das Gelände ist so groß, dass man sich am Anfang leicht verirren kann. Isidore zeigte mir aber nicht nur, wo sich die verschiedenen Gebäude befinden, sondern erklärte mir auch direkt den täglichen Ablauf.
Um 5:45 Uhr morgens beginnt jeden Tag die erste Messe. Danach gibt es um 7 Uhr Frühstück, um 12 Uhr Mittagessen und um 18 Uhr die zweite Messe mit einer anschließenden 30-minütigen Meditation. Um 19 Uhr gibt es dann Abendessen. Dass mein Tag ab jetzt jeden Morgen um 5:45 Uhr beginnen würde, war zwar nicht gerade die schönste Nachricht, die ich an diesem Tag bekommen hatte, aber da ich früher schon als Bäckereifachverkäufer gearbeitet hatte, war ich zumindest an frühe Arbeitszeiten gewöhnt.
Willkommen in der Familie
Beim Abendessen lernte ich dann auch die restlichen Brüder kennen. Alle waren unglaublich nett zu mir, sprachen fließend Französisch und machten es mir von Anfang an leicht, mich einzuleben. Sie sagten mir direkt, dass ich jetzt ein Teil ihrer Familie sei und dass ich nicht zögern solle, Fragen zu stellen oder um Hilfe zu bitten, wenn ich etwas brauche. Das gab mir auf jeden Fall einen ordentlichen moralischen Boost und ich fühlte mich sofort willkommen.
Damit waren viele meiner Sorgen vom Vortag bereits verschwunden. Natürlich war alles neu – die Menschen, die Umgebung, die Sprache und vor allem der komplett andere Tagesablauf. Trotzdem hatte ich schon am ersten Abend das Gefühl, dass ich hier gut aufgehoben sein würde.
Nach dem Abendessen ging ich dann aber auch sofort in mein Zimmer. Der Tag war lang gewesen und am nächsten Morgen würde bereits um 5:45 Uhr die erste Messe auf mich warten. Also genoss ich meine erste Nacht im Kloster – bis 5:30 Uhr.
Jetzt war mir klar: Ab morgen wird es ernst.
