50 Kilometer ins Landesinnere
Am Sonntag ging es um 7:00 Uhr morgens los. Unser Ziel lag etwa 50 Kilometer landeinwärts. Ich dachte natürlich, dass das höchstens eine bis eineinhalb Stunden dauern würde. Schließlich bin ich deutsche Straßen gewohnt. Wie sehr ich mich täuschte. Die ersten zehn Kilometer verliefen tatsächlich noch erstaunlich gut: asphaltierte Straße, Straßenschilder und alles, was man eben von einer normalen Straße erwartet. Danach hörte die Straße jedoch einfach auf. Aus dem Asphalt wurde ein extrem schmaler, holpriger Weg aus rotem Sand und Erde. Ich glaube, ich bin noch nie in meinem Leben auf einer so schlechten Straße gefahren. Das waren keine Schlaglöcher mehr – das waren Schlagschluchten. Für die gerade einmal 50 Kilometer brauchten wir am Ende knapp drei Stunden. Gegen 10:00 Uhr kamen wir schließlich im Dorf an. Ich sah einfache Holzhütten, Wasserbrunnen und überall Reisfelder. Am Ende des Dorfes stand allerdings eine für die Region erstaunlich gut ausgebaute Kirche. Und genau dort sollte unser Tag stattfinden.
40 Taufen und eine unglaubliche Messe
Vater Kasimir war nämlich nicht einfach nur zu Besuch gekommen. Er wollte an diesem Tag 40 Kinder aus dem Dorf taufen. Und ich durfte dabei sein und helfen. Was mich besonders beeindruckte, war die Messe selbst. Statt der ungefähr einen Stunde, die ich von Gottesdiensten in Deutschland gewohnt bin, dauerte sie ganze vier Stunden. Und trotzdem gab es keine einzige Sekunde, in der ich keine Freude an der Messe hatte. Die Atmosphäre war völlig anders als das, was ich aus Europa kenne. Die Kirche und die Messe in Madagaskar waren unglaublich lebendig: Es wurde getanzt, gesungen, gelacht und gemeinsam gefeiert. Die Menschen strahlten eine unglaubliche Freude aus. Im Vergleich zur eher konservativeren und ruhigeren Art, die ich aus europäischen Kirchen kenne, war hier praktisch die gesamte Gemeinde beteiligt. Und dieses Lächeln war sofort ansteckend. Bis heute gehört dieser Moment zu den schönsten Erlebnissen meiner bisherigen Reise. Ich stand mitten in dieser Kirche, umgeben von Menschen, die mich eigentlich gar nicht kannten, und trotzdem hatte ich für diesen Moment das Gefühl, dazuzugehören.
Ein Festmahl mitten im Busch
Nach der Messe ging es direkt weiter. Das Dorf hatte ein großes Festmahl für Vater Kasimir und einige wichtige Personen vor Ort vorbereitet – und irgendwie war ich plötzlich auch Teil davon. Es gab Bier, Wein, Säfte, Reis, Huhn, Fisch und Fleisch. Eigentlich alles, was das Herz begehrt. Natürlich ließ ich mir das nicht zweimal sagen und habe ordentlich gegessen. Nach vier Stunden Messe und der langen Fahrt war das Essen genau das Richtige. Gleichzeitig war es beeindruckend zu sehen, wie viel Mühe sich die Menschen gegeben hatten, um uns zu bewirten. Gegen 16:00 Uhr machten wir uns langsam wieder auf den Weg nach Marillac. Natürlich über dieselbe Straße. Drei Stunden Schlagschlucht lagen also noch vor uns. Auf dem Rückweg wurde es dann noch einmal spannend, als plötzlich eine Rinderherde mitten auf unserem Weg stand. Außerdem lernte ich an diesem Tag noch eine kleine Tradition von Vater Kasimir kennen: Nach der Messe hielt er mit mir an einem kleinen Straßenstand, wir tranken gemeinsam eine frische Kokosnuss und kauften kleine Küchlein für die anderen Brüder im Kloster.
Ein perfekter Tag – mit einem kleinen Haken
Gegen 20:00 Uhr kamen wir schließlich wieder in Marillac an. Ich war komplett erschöpft – körperlich von den insgesamt sechs Stunden Fahrt und mental von all den Eindrücken, die ich an diesem Tag gesammelt hatte. Ich ging direkt ins Bett und schlief sofort ein. Dieser Tag im Busch war bis dahin einer der schönsten und beeindruckendsten Tage meiner Reise. Ein paar Tage später sollte ich allerdings feststellen, dass dieser Tag noch eine kleine Überraschung für mich bereithielt. Denn so schön der Tag, die Menschen und vor allem das Essen auch gewesen waren … ich hätte vielleicht doch etwas genauer darauf achten sollen, was ich im Busch esse. 😅