Spielen, Reis und erste Begegnungen
Nach der Versammlung ging es für die Kinder zunächst zum Spielen. Dabei lernte ich direkt etwas, das mich in den nächsten Wochen noch öfter begleiten sollte: Man braucht hier erstaunlich wenig, um sehr viel Spaß zu haben. Aus Murmeln, Stöcken und Steinen werden Spiele entwickelt, die ich teilweise noch nie zuvor gesehen hatte. Und natürlich wird auch Fußball gespielt – eigentlich genauso wie bei uns in Europa. Nur mit einem kleinen Unterschied: Der Ball bestand aus einem Netz, in dem unzählige zusammengequetschte Plastikfolien steckten. Und trotzdem wurde damit mit voller Begeisterung gespielt.
Ich selbst habe an meinem ersten Tag zunächst viel beobachtet und versucht, weitere Wörter auf Malagasy zu lernen. „Salama“ für Hallo und „Veluma“ für Tschüss kannte ich bereits. Das reichte für die Kommunikation mit den Kindern allerdings noch lange nicht. Zu meiner Überraschung waren die Kinder überhaupt nicht schüchtern. Im Gegenteil: Sie waren unglaublich neugierig und kamen direkt auf mich zu. Besonders meine Kamera hatte es ihnen angetan. Sobald ich angefangen hatte, Fotos zu machen, wollten plötzlich alle mit aufs Bild. Das war gleichzeitig sehr lustig und eine kleine Herausforderung – denn versucht einmal, eine ganze Gruppe Kinder gleichzeitig auf ein Foto zu bekommen. :D
Gegen 12:00 Uhr war dann das Mittagessen für die Kinder fertig. Auf traditionellen Feuern wurden Reis und Bohnen gekocht und anschließend wurde darauf geachtet, dass jedes Kind abhängig vom Alter die entsprechende Portion bekam. Danach waren wir an der Reihe: Die Brüder und ich bekamen unser Mittagessen. Natürlich wieder unter anderem Reis. Langsam wird es wirklich zur Konstante meines Aufenthalts. Der restliche Tag stand vor allem im Zeichen des Kennenlernens. Ich sprach mit vielen Brüdern und Vätern, stellte Fragen darüber, wie das Leben hier funktioniert, und versuchte einfach, möglichst viele Eindrücke aufzunehmen. Am Abend gab es noch ein gemeinsames Abendessen. Danach bereitete ich mich auf den nächsten Tag vor, denn am 13. August sollte ich zum ersten Mal beim Centre Toky mitarbeiten – und auf diesen Tag war ich besonders gespannt.
13. August – Ein Blick in das Leben der Familien
Hausbesuche mit dem Centre Toky
Am nächsten Morgen sollte ich laut Larissa, der Gründerin des Centre Toky, um 9:00 Uhr dort sein. Also frühstückte ich um 7:00 Uhr noch einmal ganz in Ruhe gemeinsam mit den Brüdern. Danach fuhr ich ein letztes Mal gemeinsam mit Maria zum Centre Toky. Ich wollte mir den Weg noch einmal genau einprägen, denn das Centre liegt mitten in einem Stadtteil von Fort-Dauphin und ist nicht gerade einfach zu erreichen. Als ich ungefähr um 9:00 Uhr angekommen war, lernte ich direkt Larissas Mann und einen weiteren Mitarbeiter kennen. Gemeinsam mit ihnen sollte ich bis 12:00 Uhr die Elternhäuser einiger Kinder besuchen. Auf diesen Teil meiner Arbeit hatte ich mich bereits die ganze Woche gefreut. Nicht, weil ich wusste, was mich erwarten würde – sondern gerade weil ich es nicht wusste. So nah in das Leben der Menschen einzutauchen, ihre Familien kennenzulernen und mehr über ihre Probleme und ihre alltägliche Lebenssituation zu erfahren, war für mich eine der Erfahrungen, auf die ich mich von Anfang an besonders gefreut hatte.
Und genauso kam es. Bereits beim ersten Haus wurde mir bewusst, wie anders die Lebensrealität vieler Familien in Fort-Dauphin ist. Kleine Hütten aus Holz, sehr einfache Lebensbedingungen und teilweise äußerst schwierige hygienische Verhältnisse. Ich war ehrlich gesagt sprachlos. Von Haus zu Haus hörte ich Geschichte um Geschichte – Lebenssituationen, die ich mir vor meiner Reise nur schwer hätte vorstellen können.
Viele der Familien leben in extremer Armut. Häufig sind die Mütter alleinerziehend und kümmern sich um mehrere Kinder, während sie selbst keine feste Arbeit haben. Für viele Familien bedeutet das, jeden einzelnen Tag aufs Neue darüber nachzudenken, wie die nächste Mahlzeit finanziert und die Familie versorgt werden kann.
Dabei wurde mir auch klar, welche wichtige Rolle das Centre Toky übernimmt. Bei den Hausbesuchen geht es nicht nur darum, sich einen Überblick über die Lebenssituation der Kinder zu verschaffen. Es wird auch überprüft, ob es den Kindern zu Hause verhältnismäßig gut geht und ob die Familie Unterstützung benötigt.
Zwischen Sprachlosigkeit und Motivation
Ein wichtiger Punkt ist dabei die medizinische Versorgung. Wenn ein Kind medizinische Hilfe benötigt, wird der Fall zunächst in einem Komitee besprochen. Gemeinsam wird entschieden, wie dringend und notwendig ein Eingriff oder eine Behandlung ist. Wenn eine medizinische Versorgung finanziert werden soll, gehört unter anderem auch Maria zu den Personen, die dabei helfen, die notwendigen finanziellen Mittel zu organisieren. Während ich all diese Geschichten hörte, wurde mir immer bewusster, dass hinter jedem Kind, das ich am Vortag beim Spielen kennengelernt hatte, eine ganz eigene Familiengeschichte steckt. Nach diesen drei Stunden voller neuer Eindrücke war ich mental ziemlich erschöpft. Zum Glück ging es anschließend zum Mittagessen zu Larissa nach Hause. Dort gab es traditionell madagassisches Essen: Fisch, Reis und eine Art Salat. Und obwohl ich mittlerweile wirklich viel Reis gegessen hatte, war es wieder sehr lecker.
Nach dem Essen besprach ich mit Larissa, wann mein eigentlicher Englischunterricht beginnen würde. Sie erklärte mir, dass es in der kommenden Woche, am Dienstag, losgehen sollte. Für diesen ersten Tag sei es wichtiger, dass ich zunächst alles kennenlerne, mich orientiere und einen Überblick über die verschiedenen Bereiche des Centre Toky bekomme.
Gegen ungefähr 15:00 Uhr fuhr ich wieder zurück nach Marillac. Dort musste ich erst einmal versuchen, meine Gedanken zu sortieren. In meinem Kopf waren unzählige Eindrücke gleichzeitig: die Kinder vom Vortag, ihre Spiele, die Gespräche mit den Brüdern, die Familien, deren Häuser wir besucht hatten, die Geschichten, die ich gehört hatte, und die Frage, wie ich selbst in den kommenden Wochen am besten helfen kann. Gleichzeitig wurde mir an diesem Tag aber auch etwas sehr Wichtiges bewusst: Das, was ich hier mache, ist keine Hilfe, die nur auf dem Papier gut aussieht. Ich konnte mit eigenen Augen sehen, wo die Unterstützung ankommt und welche Bedeutung sie für die Menschen haben kann. Das hat mich am Ende des Tages unglaublich motiviert.
Zurück in Marillac begann ich deshalb direkt damit, meinen zukünftigen Unterricht vorzubereiten und Fragen zu sammeln, die ich bei den nächsten Hausbesuchen stellen möchte. Ich wollte die Situation der Familien noch besser verstehen und gleichzeitig überlegen, wo ich selbst konkret einen Beitrag leisten kann. Wenn ich die ersten beiden Arbeitstage zusammenfassen müsste, würde ich wahrscheinlich sagen: Ich hatte noch nie einen Tag mit so vielen neuen Eindrücken und Gedanken gleichzeitig im Kopf. Und dabei hatte meine eigentliche Arbeit – der Englischunterricht – noch gar nicht begonnen.